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Depression

Ein Blick in den Spiegel genügte auch heute...Was sie sah, war eine um Jahre gealterte Frau. Dicke Ränder um ihre Augen, tiefe Falten um ihren Mund und eine furchtbare Blässe. Bei diesem Anblick mußte jedem schlecht werden, dachte Julia und fuhr sich noch einmal mit dem Make-up Pinsel durchs Gesicht. Es half nichts. Die letzten 3 Tage würde sie niemals aus ihrem Spiegelbild löschen können.

Sie zog ihren Bademantel fester zu und ging ins Wohnzimmer, der Fernseher lief, obwohl es erst 10 Uhr am Morgen war. Das Programm war auch unwichtig, Ablenkung brauchte sie wie den starken Kaffee... Julia legte sich wieder auf ihr Sofa und zog die Wolldecke bis zum Kinn hoch. Welche Erniedrigung...

Vor drei Tagen kam ihr Liebster nach Hause und nach einem entspannten Abendessen mit den Kindern wurde der Mann, den sie so sehr liebte, plötzlich still und fahrig. Sie spürte, daß er etwas auf dem Herzen hatte, schließlich kannte sie ihn bereits viele Jahre.

Durch eine aus Spaß aufgegebene Anzeige waren sie sich begegnet und beide wie vom Blitz getroffen. Aus zwei etwas egozentrischen und selbstbewußten Menschen, die sehr gut mit dem Alleinsein fertig wurden, war ganz schnell ein Paar und bald auch ein Ehepaar geworden. Was sie auszeichnete war die Gemeinsamkeit in allem was sie sich vorstellten, das Teilen aller Alltagssorgen und das Verständnis für den Beruf des anderen... Rückblickend eine wunderbare Zeit. In seinen Augen konnte sie täglich ablesen wie sehr er sie liebte, und niemals ging sie abends ohne sein: „Ich liebe Dich!“ zum Schlafen. Nie zuvor hatte sie eine solche Beziehung gelebt und dachte trotz ihrer früheren Erfahrungen, daß dies für immer sein würde. Doch dann war alles anders...

Mit ein klein wenig Trauer in den Augen, doch trotzig und kühl eröffnete er ihr, daß er jemand kennengelernt habe. Diese Frau wäre magisch und er käme nicht an ihr vorbei. Es sei an der Zeit sich zu entscheiden... und das habe er getan. Das Haus, das Inventar, sowie die Kinder könne sie behalten, es gäbe keine Schwierigkeiten und keine harte Scheidung (wenn sie das nicht herausfordern würde) und er würde jetzt einfach gehen....

Tränen schossen Julia in die Augen.. Den Fernseher nahm sie bei diesen Erinnerungen gar nicht mehr wahr, auch das Telefon, das in diesem Augenblick zu läuten begann hörte sie nicht.

Er hatte gesagt, sie hätte sich gehenlassen und er bräuchte eben etwas anderes... Sie konnte sich vorstellen, wie das aussah: Beine bis zum Himmel und langes schwarzes Haar bis zum Hintern. Nun, das konnte Julia ihm tatsächlich nicht bieten -  doch schließlich war auch er nicht Richard Gere....

Die Tränen kamen heftiger, sie begann laut zu schluchzen. Er durfte ihr sowas nicht antun. Warum nur hatte er nicht früher etwas gesagt? Sie mußte ihn das fragen. Jetzt! Aus welchem Grund war sie nur früher nicht darauf gekommen ihm genau diese Frage zu stellen? In all´ ihrem Leid konnte sie eben nicht mehr klar denken, aber das war doch die wichtigste Frage!

Langsam stand sie vom Sofa auf, sie bewegte sich hölzern den Flur entlang. Die Beine gehorchten ihr nicht.

Julia öffnete die Schlafzimmertür. Der Raum war noch immer dunkel und es roch etwas muffig. Sie würde heute einmal die Jalousien öffnen müssen und lüften.

Sie setzte sich ans Kopfende des großen Bettes und begann seinen Kopf zu streicheln. Er schlief noch immer, dabei hatte sie ihn schon immer gerne beobachtet. Er hatte dann einen so wunderbar friedlichen Gesichtsausdruck. Wieder spürte sie ihre Liebe zu ihm – schmerzhaft und heftig.

„Warum hast du bloß nicht früher mit mir gesprochen? Hast mir gesagt, daß ich mich verändern muß, um deine Liebe zu verdienen?“, brachte sie leise hervor. Es kam keine Reaktion, nichts rührte sich. Ihre Augen gewöhnten sich langsam an das schwache Licht und die Tränen versiegten. Diese Frage würde niemals beantwortet werden, das wurde ihr plötzlich klar.

Julia erhob sich wie in Trance, ging zum Telefon und wählte zitternd eine Nummer. Als jemand abhob, sagte sie leise: „Kantenweg 9. Sie können uns jetzt abholen. Er antwortet nicht mehr....“

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